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Es ist nachvollziehbar, warum Frank Wildhorn sich entschieden hat, Tsugumi Ohbas und Takeshi Obatas überaus beliebten Manga Death Note auf die Bühne zu bringen, da er mehrere Konventionen seiner bisherigen Werke aufgreift: Die Fragen der menschlichen Natur in Jekyll & Hyde, Vigilantismus als Rebellion gegen Korruption in Bonnie and Clyde und gesellschaftliche Konformität versus persönliche Befreiung in Rudolf: The Last Kiss.
Sein Bühnendebüt begann Death Note 2014 als Demo-Album, seitdem gab es erfolgreiche internationale Produktionen sowie ausverkaufte Konzerte im Lyric Theatre 2023. Mit diesen und der Flut an Bühnenadaptionen von Anime-Franchises von Mein Nachbar Totoro bis Your Lie In April kam die voll inszenierte englischsprachige Premiere von Death Note im Barbican offenbar genau zum richtigen Zeitpunkt.
„Wo ist die Gerechtigkeit?“, fragt der jugendliche Genie Light Yagami zu Beginn, während er die Korruption in der Welt beklagt. Seine Antwort findet er bald in dem namensgebenden Notizbuch, das ihm der gelangweilte Shinigami (ein japanischer Todesgeist) Ryuk überreicht, mit der Macht, jeden Namen darin zu töten, solange er sich das Gesicht vorstellen kann. Als selbsternannter Vigilant namens Kira wird die wachsende Opferzahl bald zur Katz-und-Maus-Jagd mit der Tokio-Polizei unter Leitung des Detektivs L.
Wenn man dieses Death Note mit einem Wort beschreiben soll, dann ist es ambitioniert. Die Regie von Stephen Whitson behandelt das faustische und oft auch absurde Material mit Shakespeare'schem Drama und Camp, das nur eine Bühne so groß wie die des Barbican ausfüllen kann. Dennoch wirkt es mitunter überambitioniert. Das Buch von Ivan Menchell enthält faszinierende Ideen über die moralische Ambiguität von Vigilantismus und Sterblichkeit, doch eine 12-bändige Manga-Serie in eine zweieinhalbstündige Show zu packen, lässt diese Aspekte etwas unterbelichtet.
Insbesondere der erste Akt leidet darunter, diverse Nebenhandlungen werden fast episodisch gequetscht und bekommen kaum Raum zum Atmen – etwa die Liebe des Shinigami Gelus zum Popstar Misa, die sie opfert – bevor zum nächsten Handlungsstrang übergegangen wird. Der zweite Akt verbessert sich, da die Rivalität zwischen Light und L an Spannung gewinnt, auch wenn die dialoglastigen Erklärungen für Neueinsteiger mehr Erzählen als Zeigen bewirken können.
Wildhorns Pop-Rock-Musik und die Texte von Jack Murphy besitzen ein selbstbewusstes Bewusstsein für die Lächerlichkeit, doch unbestreitbar sind sie elektrisierend, symphonisch und eingängig (auch wenn es eine Power-Ballade zu viel gibt). Ebenso elektrisierend sind Jon Bausor und Akhila Krishnans bezauberndes Bühnen- und Videodesign, das ich so noch nie gesehen habe. Es besitzt eine fast opernhafte Qualität, die der Großartigkeit des Barbican entspricht, mit Drehbühnen, verschiebbaren Sets und einer erhöhten Plattform, auf der die Shinigami stehen und die Menschenwelt darunter beobachten. Jen Schrievers Neon-Laser-Beleuchtung erfüllt das Auditorium, während der mehrfach ausgezeichnete Fabian Aloise mit bombastischer Choreografie die Bühne dominiert, besonders in Konzertsequenzen. Ein wahres Fest für die Sinne.
Xander Pang fängt Lights Absturz vom wohlmeinenden Schüler zum arroganten Megalomane ein und zeigt sein stimmliches Können etwa in Nummern wie Hurricane. Colin Ryan ist als exzentrischer analytischer L der ideale Gegenpol in einer fein nuancierten Darstellung, die uns den echten Antagonisten hinterfragen lässt. West-End-Star Grace Mouat zeigt erneut ihre Bandbreite als zurückhaltende, aber mütterliche Shinigami Rem und ihre schönen Vocals in When Love Comes, während Broadway-Liebling Telly Leung sichtlich den Spaß seines Lebens als schelmischer Ryuk hat, der zwischen Apfelknabbern die Bühne für sich einnimmt. Stephanie Zaharis gibt derweil ein starkes UK-Debüt als Misa Amane, eine wahre Pop-Power mit begeistertem Applaus für Borrowed Time.
Abgesehen von gelegentlichen Längen in der Handlung bietet Death Note vieles, was Freude bereitet. Hardcore-Fans werden es lieben, die Welt mit ihren atemberaubenden Bildern und der rundum beeindruckenden Besetzung zum Leben erweckt zu sehen, während Neueinsteiger sich schnell dem packenden Melodrama hingeben werden. Eines wird Death Note diesen Sommer sicherlich nicht: Sie vor Langeweile sterben lassen.
Death Note läuft im Barbican bis zum 12. September
Foto-Credit: Manuel Harlan