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Während Harry Potter und das verfluchte Kind diese Woche sein 10-jähriges Jubiläum im West End feiert, beweisen die „jüngeren“ Ensemblemitglieder, dass die Magie der Produktion weit über die atemberaubende Bühnenkunst hinausgeht. Joshua Sullivan, der Albus Potter spielt, Kai Spackman, der Scorpius Malfoy verkörpert, und Tamia Renée Alexandra, die Rose Granger Weasley darstellt, reflektieren über die Themen, die auch ein Jahrzehnt nach der Premiere des Stücks beim Publikum nach wie vor Anklang finden – mit besonderem Fokus auf Freundschaft, Identität, Familie und Zugehörigkeit.
Eine der größten Stärken des Stücks ist der Fokus auf die nächste Generation. Was macht diese jüngeren Charaktere heute so nachvollziehbar?
Kai: Scorpius ist so nachvollziehbar, weil er einfach ganz er selbst sein kann. Er hat keine Angst davor, seine Eigenheiten und Qualitäten, von manchen vielleicht als Macken gesehen, anzunehmen. Er hat keine Scheu davor, er selbst zu sein, auch wenn die Welt um ihn herum versucht, ihn durch Gerüchte und Tratsch in etwas anderes zu verwandeln. Ich denke, das ist in gewisser Weise inspirierend und mehr als nur nachvollziehbar. Er lacht gerne mit seinen Freunden und hat eine echte Begeisterung dafür, in die magische Welt einzutauchen.
Foto Credit: Manuel Harlan
Die Freundschaft zwischen Albus und Scorpius ist schön und inspirierend. Warum, glaubst du, fühlt sich das Publikum so tief mit ihr verbunden?
Joshua: Albus und Scorpius sind in gewisser Weise Gegensätze. Sie sind das Ying zum Yang des jeweils anderen. Sie ergänzen sich, was dem einen vielleicht fehlt, füllt der andere aus – und umgekehrt. Es gibt die Erwartung, dass die Malfoys und die Potters von Geburt an Feinde sind, aber sie entscheiden sich ganz bewusst, das Vermächtnis ihrer Eltern zu ignorieren und einander zu wählen. Für Albus ist das sehr isolierend: Er ist der einzige Slytherin in seiner Familie, ein mittleres Kind mit klassischem Middle-Child-Syndrom. Scorpius ist sein einziger wahrer Freund, mit dem er wirklich reden kann über Dinge, mit denen er zu kämpfen hat. Es ist einfach wunderschön, sie geben nichts darauf, was andere über sie denken. Sie sind so ehrlich zu sich selbst in der Art, wie sie zueinander stehen, dass sie daran festhalten und dazu stehen.
Rose ist selbstbewusst, intelligent und äußerst unabhängig. Tamia, was hat dir am meisten Freude bereitet, als du sie zum Leben erweckt hast?
Tamia: Rose hat mir Selbstvertrauen gegeben; sie hat mir viel über mich selbst beigebracht und wie ich auf andere wirken möchte. Auch, für Dinge einzustehen, an die ich glaube. Wenn ich etwas ungerecht finde, ist es okay, eine Stimme dafür zu haben. Rose führt ihr Haus an und ist sehr bewundernswert, weil sie einfach echt und präsent mit allen ist. Das ist etwas, was ich auch im echten Leben bin und gerne bleiben möchte. Sie ist ihrer Familie sehr loyal, ich glaube, sie hat viele Eigenschaften, die ich auch habe. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede, die ich gerne von ihr übernehmen würde. Ich weiß, es klingt großartig. Sie ist wirklich toll und ich spiele sie sehr gerne, weil sie eine verstärkte, überzeichnete Version von mir selbst ist. Cheers an Rose.
Jede Generation steht unter dem Druck der Erwartungen der Vorgänger. Wie behandelt das Stück das Finden der eigenen Identität?
Kai: Unter all der Magie, dem Spektakel und den Wundern geht es im Stück vor allem um die Beziehung zwischen Vätern und Söhnen sowie Eltern und Kindern. Es scheut nicht davor zurück, schwierige Aspekte dieser Beziehungen zu zeigen. Wir streiten, wir sind uneinig, wir zerstreiten uns, wir laufen voreinander weg. Das wird auf eine ehrliche Art dargestellt, die es Publikum und Ensemble erlaubt, diese Schwierigkeiten und Nuancen zu akzeptieren.
Es wäre sehr einfach gewesen, Harry Potter als Helden die perfekten Kinder zu geben und Draco Malfoy, der im Original eine böse Figur ist, Kinder geben zu lassen, die ebenso geneigt zu solchen Eigenschaften sind. Das umzudrehen, ist zumindest realistisch und im besten Fall herausfordernd.
Foto Credit: Manuel Harlan
Wie habt ihr die Chemie zwischen euren Charakteren während der Proben und Aufführungen entwickelt?
Joshua: Wir haben die Chemie in den Proben aufgebaut; wir waren zusammen in dieser Sache. Das hat das Band widergespiegelt, weil wir so viel Zeit gemeinsam verbracht haben. Wir haben uns sowohl als Personen kennengelernt als auch als unsere Figuren, um herauszufinden: Das ist dein Albus, das ist dein Scorpius. Wir sind wirklich verbunden und verstehen, wer der andere ist. Während der Aufführungen entdecken wir noch mehr. Bei DRP (David Ricardo Pearce), der Harry spielt, gibt es in Szenen wie der mit der Decke oder der abschließenden immer etwas Neues zu entdecken. Es geht darum, verspielt zu sein und ständig zu experimentieren. Das macht den Spaß aus. Manchmal machen wir daraus ein Spiel, um es frisch zu halten, sonst tut man sich selbst keinen Gefallen. Man schuldet es sich selbst, zu spielen und Neues zu entdecken.
Was war der lohnendste Teil daran, Teil einer Produktion mit so einem außergewöhnlichen Erbe zu sein?
Tamia: Das 10-jährige Jubiläum zu feiern ist aufregend. Ich bin noch nicht lange dabei, aber ich repräsentiere all die Roses, die vor mir diese Rolle gespielt haben. Ganz vorne dabei zu sein, ist sehr erfüllend. Außerdem ist es so schön, mit all diesen Darstellern zusammen zu sein, sowohl mit Leuten, die seit Jahren im Stück sind, als auch mit neuen Gesichtern. Das Ensemble ist sehr eng verbunden, wir sind alle wie eine Familie und unterstützen uns on- und offstage. Wenn auf der Bühne etwas passiert, fühlt man sich nicht so schlecht, weil man die anderen auf der Bühne hat, die einen stützen. Und danach lachen wir drüber, reden kurz darüber und machen weiter – man bleibt nicht lange darin hängen, weil man sich sicher fühlt. Ich denke, es ist sehr wichtig, Ensemblemitglieder zu haben, bei denen man sich sicher und wohl fühlt, weil das die gesamte Erfahrung so viel leichter macht.
Welcher Moment in der Show erinnert euch immer daran, warum Live-Theater so magisch ist?
Joshua: Mir fällt sofort eine Sache ein. Ich habe die Show mit 11 oder 12 Jahren gesehen. Aus irgendeinem Grund nur Teil zwei, ich weiß nicht warum. Ich hatte keine Ahnung, was passiert, aber ich erinnere mich an die Magie und wie unglaublich es war. Es gab einen Moment, in dem sich ein Charakter verwandelte. Ich erinnere mich, wie das mich als Kind total umgehauen hat. Jedes Mal, wenn das auf der Bühne passiert und ich es nicht aus der Zuschauerperspektive, sondern aus der Sicht der Darsteller sehe, habe ich diesen Moment, in dem ich mich kneifen muss, weil ich weiß, wie privilegiert ich bin, hier sein zu dürfen.
Live-Theater und dieses Stück haben etwas Besonderes – abgesehen von Filmen, TV-Spezialeffekten und all dem, die wirklich cool aussehen, aber live passiert es direkt vor deinen Augen. Die Verbindung zwischen Publikum und Darstellern ist real. Wir spüren das bei jeder Aufführung, man steht immer in Beziehung zum Publikum, um sich gegenseitig Energie zu geben. Wenn man zu Zaubertricks Reaktionen hört, Menschen bei bestimmten Zeilen hören schnappen, lachen und weinen, dann ist das Treibstoff für alle und alles, es ist so schön, das zu erleben. Ich denke, das ist das Besondere am Live-Theater, diese Verbindung ist so einzigartig zwischen Zuschauern und Darstellern.
Foto Credit: Manuel Harlan
Wenn ihr für einen Tag einen magischen Gegenstand aus der Zaubererwelt ausleihen könntet, welcher wäre das und warum?
Kai: Der Zeitumkehrer, der ist sehr nützlich und es wäre großartig, in der Zeit zurückreisen und Dinge aus einem anderen Blickwinkel sehen zu können.
Joshua: Für einen Tag würde ich einfach einen Zauberstab schnappen. Ich würde ein paar Zaubersprüche wirken, ein bisschen Accio rufen. Komm her, du weißt schon?
Tamia: Ich würde den Unsichtbarkeitsumhang nehmen, damit ich in Räume kommen kann, in die ich normalerweise nicht reinkäme. Ein bisschen Lauschen, wer hört das nicht gerne?
Blick auf die nächsten zehn Jahre: Was hofft ihr, entdecken die Zuschauer weiterhin in Harry Potter und das verfluchte Kind?
Kai: Ich hoffe, dass das Publikum sich weiterhin auf der Bühne in welcher Form auch immer repräsentiert sieht. Ich hoffe, dass Zuschauer und Ensemble jenen wunderbaren Moment finden, der speziell für diesen Tag ist – und das Wortspiel ist voll beabsichtigt – die magische Verbindung, gemeinsam so eine große epische Geschichte zu erzählen.
Tamia: Ich hoffe, dass das Publikum weiterhin von all der Magie begeistert ist und dass die Magie frisch und lebendig bleibt.
Joshua: Dass die Verbindung zwischen den Menschen, die zuschauen, und denen, die es aufführen, so greifbar bleibt wie sie immer ist. Das erlebt man nur im Theater. Ich hoffe, die Menschen finden Anknüpfungspunkte für ihr eigenes Leben. Es ist das Zitat von George Bernard Shaw, dass Theater einem einen Spiegel vorhält. Die Fähigkeit, sich selbst auf der Bühne zu sehen und das zurück in die eigene Lebensweise zu übertragen, ist etwas Wunderbares, und ich hoffe, dass die Zuschauer das auch nach 10 Jahren mitnehmen.
Harry Potter und das verfluchte Kind läuft im Palace Theatre