Review: ROCKY at Freilichtspiele Tecklenburg
ROCKY bei den Freilichtspielen Tecklenburg – Wenn der Boxring unter freiem Himmel zum Leben erwacht
Als ich ROCKY – Das Musical im Januar 2013 im Stage Operettenhaus in Hamburg sah, war die Produktion vor allem wegen ihrer spektakulären technischen Umsetzung in aller Munde. Dreizehn Jahre später stand für mich nun die Frage im Raum, wie sich diese Geschichte auf der Freilichtbühne Tecklenburg behaupten würde. Die Antwort überrascht: Nicht durch größere Effekte, sondern durch eine Atmosphäre, die der Geschichte teilweise sogar noch besser steht.
Gerade die imposante Naturkulisse verleiht der Inszenierung eine ganz eigene Identität. Während die Handlung im November und Dezember spielt, gewinnt sie mit fortschreitender Dämmerung spürbar an Authentizität. Wenn langsam die Dunkelheit über der Bühne einsetzt, entsteht eine Stimmung, die den Weg Rocky Balboas vom Außenseiter zum Herausforderer auf besondere Weise unterstützt.

Den größten Anteil daran hat jedoch das Ensemble. Allen voran überzeugt Lucas Baier in der Titelrolle. Statt Sylvester Stallone zu imitieren, entwickelt er seinen ganz eigenen Rocky. Natürlich bringt er die körperlichen Voraussetzungen mit, doch vor allem seine enorme Bühnenenergie und seine kraftvolle Stimme machen seine Interpretation so sehenswert. Dadurch wirkt Rocky nicht wie eine Kopie der Filmfigur, sondern wie eine eigenständige Persönlichkeit.
Auch die übrigen Darsteller verleihen ihren Figuren individuelle Facetten. Lediglich Benjamin Eberling als Mickey bleibt für meinen Geschmack etwas hinter den Möglichkeiten der Rolle zurück. Viele Szenen wirken sehr ähnlich gespielt, wodurch der emotionale Entwicklungsbogen der Figur etwas verloren geht.
Ein großes Lob verdient außerdem Regisseurin Janina Niehus. Die riesige Bühne der Freilichtspiele wird auf beeindruckende Weise genutzt. Kaum eine Ebene bleibt unbespielt, das große Ensemble ist ständig in Bewegung und dennoch wirkt alles klar strukturiert. Gerade bei einer Produktion dieser Größe ist das alles andere als selbstverständlich.
Das unangefochtene Highlight bleibt der finale Boxkampf zwischen Apollo Creed und Rocky Balboa. Die Choreografie, die präzise abgestimmten Soundeffekte und die wirkungsvoll eingesetzten Zeitlupenmomente sorgen auch in Tecklenburg für einen packenden Höhepunkt. Selbst ohne die technischen Gimmicks der Hamburger Originalproduktion verliert dieses Finale nichts von seiner Wucht.

Auch musikalisch überzeugt der Abend. Die Live-Band liefert einen hervorragenden Klang, der sich problemlos mit vielen Indoor-Theatern messen kann. Gleichzeitig bleibt für mich aber ein grundsätzlicher Schwachpunkt der Musicalfassung bestehen: Viele Songs ähneln sich sowohl musikalisch als auch dramaturgisch sehr stark. Dadurch verliert man stellenweise das Gefühl, an welchem Punkt der Geschichte man sich gerade befindet. Besonders einige Solonummern von Adrian, so überzeugend sie von Celena Pieper auch interpretiert werden, wirken auf Dauer etwas austauschbar.
Hinzu kommt ein Eindruck, der mich bereits 2013 beschäftigt hat. Die deutschen Liedtexte greifen immer wieder auf Formulierungen zurück, die eher nach Musical-Klischees als nach echter Alltagssprache klingen. Sätze wie „Ich bring dich ganz groß raus“ oder „Den Waschlappen hau ich aus den Latschen“ wirken konstruiert und stehen im Kontrast zu anderen Momenten, in denen plötzlich sehr moderne Sprache verwendet wird. Dadurch entsteht ein sprachlicher Stilbruch, der mich immer wieder aus der Handlung holt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass mich die Musicalversion emotional bis heute nicht ganz so erreicht wie der großartige Film. Während das Finale nach wie vor begeistert, fehlten mir diesmal die Gänsehautmomente zwischen den großen Höhepunkten. Zudem empfand ich den zweiten Akt stellenweise etwas zu lang. Zugegeben: Die berühmten Holzbänke der Freilichtbühne dürften ihren Teil zu diesem Eindruck beigetragen haben.

Das Publikum ließ sich davon allerdings nicht bremsen. Die Vorstellung war ausverkauft, die Stimmung hervorragend und immer dann, wenn bekannte musikalische Motive erklangen, war die Begeisterung im Zuschauerraum deutlich spürbar. Besonders die berühmte Rocky-Fanfare sowie Eye of the Tiger wurden mit hörbarer Freude aufgenommen. Auch wenn mich Letzteres bis heute irritiert, schließlich stammt der Song aus Rocky III und gehört streng genommen nicht zur Geschichte des ersten Films.
Am Ende bleibt eine sehr gelungene Produktion, die eindrucksvoll zeigt, wie gut sich ROCKY auf einer Freilichtbühne entfalten kann. Die atmosphärische Kulisse, eine starke Regie, ein hervorragend aufgelegtes Ensemble und insbesondere Lucas Baier in der Titelrolle machen den Abend absolut sehenswert. Wer den Film liebt oder das Musical bislang noch nicht erlebt hat, sollte sich diese Inszenierung in Tecklenburg nicht entgehen lassen.
https://freilichtspiele-tecklenburg.de/produktionen/abendstueck2
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